„Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“

Verlassen und etwas heruntergekommen steht das Gebäude in der schönen Wohngegenden in Dachau. Es scheint als wartet es nur auf Besucher, immerhin sind noch vor 5 Jahren täglich hunderte Kinder in die alte Ziegler Villa geströmt. Und heute steht sie da, einsam und verlassen. Als die Stadtführerin, die uns an diesem Sonntag die Ziegler Villa zeigt, aufsperrt, knarzt die Tür einen Willkommensgruß. Gut 20 Besucher haben sich aus dem umfangreichen Programm des Tags des offenen Denkmals für die Ziegler Villa in Dachau entschieden. 20 Besucher, die jetzt in dem alten Schulhaus auf Spurensuche  gehen.

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Gebaut wurde das Haus 1898, immer wieder zeigt die Stadtführerin die einzigen vorhandenen Pläne zu dem Gebäude. 1906 war die Villa erweitert worden, die Pläne dazu sind die einzigen Anhaltspunkte zur ursprünglichen Aufteilung des Hauses. Musikzimmer, Schreibzimmer, Eingangshalle, alles Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Allerdings mit dem Flair eines alten Schulgebäudes, das einige vielleicht noch aus ihrer Kindheit kennen. Ausführliche Informationen zu den Besitzern gibt es nicht. Nur, dass hier auch die Künstler, die in Dachau gelebt und gearbeitet haben, gewohnt haben, weiß man. Von Ludwig Thoma ist die Rede, von Ludwig Dill und von Walter von Ruckteschell. Von letzterem werden wir heute noch mehr hören. Ein Augenmerk haben die architektonischen Besonderheiten verdient, Rundbogenfries, Zierfachwerk und Holzverschalung. Den Besuchern fällt vor allem die Decke in einem Flur auf. Doch weil es nur wenige Informationen zum Gebäude gibt, ist es mehr eine Entdeckungsreise für die Besucher als eine Führung.

Freundin A war von der Zeit in der Villa dennoch begeistert. Sie ist in der Nachbarschaft aufgewachsen und kannte das Gebäude lediglich als örtliche Wirtschaftsschule. Welche Geschichten allerdings hinter den Mauern der Schule schlummerten, hätte sie nicht für möglich gehalten. Gespannt was das nächste Objekt für uns bereit hält, starteten wir zur zweiten Villa in Dachau, die an diesem Tag geöffnet war.

IMG_2201Die Renovierungsarbeiten an der, an einer der Dachauer Ortseinfallstraßen gelegenen, Villa waren in den vergangenen Jahren niemand entgangen. Selbst mir als zugezogener Dachauerin sagte das Haus an der Münchner Straße bereits etwas. Das Künstlerhaus Ruckteschell Villa ist zwar nicht groß, doch den Besuch war es auf alle Fälle wert. Bei einer kurzen Führung durch den „Ausstellungsbereich“ des Hauses brachte uns die freundliche und kompetente Stadtführerin Walter und Clary von Ruckteschell näher. Sie erzählte uns von der Reise der beiden zum Kilimandscharo und dass Clary von Ruckteschell Trueb vermutlich die erste Frau auf dem Kilimandscharo gewesen war. Wir waren begeistert von den Keramik-Arbeiten von Clary von Ruckteschell und den Bildhauerarbeiten ihres bekannteren Mannes Walter. Mit der Führung erhielten wir einen Einblick in den Lebens- und Schaffensraum der Familie und bestaunten Details, wie die Lampe über dem Esstisch, deren Lampenschirm aus dem Brautkleid der Tochter der beiden gefertigt wurde.

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Als wir dann auch noch erfuhren, dass die Christopherus Figur, die die Dachauer Amperbrücke ziert, von Ruckteschell erstellt wurde, waren wir restlos begeistert. Im Krieg war die Statue bei einer politischen Veranstaltung abmontiert und im Bauhof der Stadt zwischengelagert worden. Kurz danach, so erzählt die Stadtführerin, sei die Brücke zerstört worden. Nur die Statue war ganz geblieben, da sie ja nicht auf der Brücke war. Tausende Male hatten wir die Brücke schon überquert, doch als Freundin A und ich auf dem Weg zur Kaffeepause ins Dachauer Schloss waren, warfen wir der Statue einen besonders interessierten Blick zu.

IMG_2202Nach der Stärkung stand die letzte Station unseres selbst zusammengestellten Programms auf dem Plan: Der Kräutergarten. Wenn es um unbequeme Denkmäler geht, darf in Dachau natürlich auch die KZ Vergangenheit nicht totgeschwiegen werden. Was allerdings die wenigsten wissen, neben dem großen KZ Gelände gibt es ein ebenfalls riesiges Gelände auf dem zu dieser Zeit vom NS Regime Kräuter und Pflanzen angebaut wurden. Hier wurde die Wirkung von Heilkräutern erforscht. Bei dem Rundgang über das weitläufige Gelände kamen wir an den alten noch erhaltenen Gewächshäuschen vorbei. Die 1939 gegründete Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung, die mit Arbeitskommandos des Konzentrationslagers betrieben wurde, bezeichnete das Areal verharmlosend mit „Kräutergarten“. Obwohl sich das alles nicht so erschreckend anhört, wie die Berichte aus dem benachbarten KZ, mussten hier mehrere hundert Häftlinge bei der schweren Arbeit ihr Leben lassen.

IMG_2203Bei dem Rundgang wurde den Teilnehmern bewusst wie weitläufig dieser „Kräutergarten“ gewesen sein musste. Die Fremdenführerin erklärte, dass hier vor allem auch Pfarrer ihren „Dienst“ taten, da ihnen eine gewisse Kenntnis der Kräuter zugeschrieben wurde. Auf vielen der alten Fotographien waren große Wiesen mit Gladiolen zu sehen. Wie wir später erfahren haben, wurde mit der schönen Blume Vitamin C für die Truppen gewonnen. Die Stängel und Blätter sind so Vitamin C haltig, dass sie ausgepresst und der Saft für den Transport getrocknet wurde. Wir konnten auch einen Blick auf das ebenfalls gut erhaltene Bienenhaus aus dieser Zeit werfen. Plötzlich standen wir vor dem ehemaligen Verkaufshäuschen der Plantage. Dies war damals eine der wenigen Möglichkeiten für die Gefangenen mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Geschichten, wie zum Beispiel die einer Klosterschwester, die für Gefangene Hostien über die Verkaufsstelle einschmuggelte, lassen uns Gänsehaut bekommen. Fassungslos kehren wir dem Gebäudekomplex nach der Führung den Rücken zu. Fassungslos, dass wir von der Vergangenheit dieses Areals nichts gewusst haben. Fassungslos ob der Taten, die sich hier vor einigen Jahrzehnten abgespielt haben mussten.

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