Ein ganz besonderer Abend… Hörgang Hasenbergl München

Es sind keine ungewöhnlichen Szenen, die sich an diesem Juni Samstag in München abspielen und trotzdem ist irgendetwas anders:

In einer Kirche im Münchner Norden steht ein junger Man am Ambo. Er liest, sieht ins Publikum, erzählt die Geschichte eines jungen Mannes. Seine Zuhörer hängen gebannt an seinen Lippen. Ein paar Kilometer weiter sitzt eine Gruppe gut gelaunter Menschen in einem kleinen Schrebergarten, sie trinken Bier aus der Flasche, lachen laut und einer von Ihnen erzählt von einem Besuch in einem China-Restaurant. Laute Musik dröhnt einem am gleichen Abend auf einem Parkdeck in einem benachbarten Einkaufszentrum entgegen. Auch hier Menschen, die wild durcheinander reden, von Einkäufen berichten und ihre Parkkarten in den Geldbeuteln suchen.

Alles wie immer, möchte man meinen…    Doch weit gefehlt!

Der junge Mann in der Kirche im Münchner Hasenbergl heißt Benedict Wells. Er ist gerade Anfang 30 und verdient sein Geld als Autor. Sein Text ist alles andere als biblisch. Er liest aus seinem Buch „fast genial“. Sein bereits dritter Roman stand monatelang auf der Bestsellerliste und reißt auch an diesem Abend die Zuhörer mit. Man möchte mehr erfahren über diesen Protagonisten und irgendwie auch über den lockeren jungen Autor. Der dort vorne im Altarraum steht und selbst erst nach einigen Minuten zu begreifen scheint, dass es doch ein etwas skurriler Ort für eine Autorenlesung ist.

München_Hörgang_1

Doch so ist dann beim Münchner Hörgang. Zum wiederholten Mal lädt der Veranstalter Autoren ein um an den ungewöhnlichsten Plätzen zu lesen. Ca. 20 Minuten sollte der Vortrag dauern, denn dann ziehen alle weiter, in die nächste außergewöhnliche Location, zum nächsten Autor. Die Teilnehmer stehen mitten drin im Supermarkt oder Friseurgeschaft, sitzen auf der Panzerwiese oder dürfen in Privatwohnungen zu Gast sein. Überall wird zur vollen Stunde gelesen. Und danach weitergegangen.

Im Kleingartenverein in Parzelle 3 wartet Christian Mayer auf die Zuhörer. Er ist Journalist, schreibt seit 1997 für die Süddeutsche Zeitung, zuerst im München-Teil nun im Ressort Gesellschaft und Wochenende. Seine kurzen Anekdoten über das Leben in Redaktionen in der guten alten Zeit in der dort noch geraucht werden durfte und die Chefs nicht entlassen sondern weggelobt wurden, unterhalten das Publikum. Beim Bericht über den Kampf um die allseits begehrten Wiesn-Biermarkerl fühlt sich so mancher ertappt und als es dann um seine Erlebnisse in einem Münchner China-Restaurant geht, lachen wir Zuhörer Tränen.

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Zwei ganz unterschiedliche Autoren, zwei ganz unterschiedliche Locations und wir wissen schon als wir vom Kleingarten aufbrechen, unser drittes Ziel wird dem in Nichts nachstehen. Es geht auf das Parkdeck des MIRA Einkaufszentrums. Auf Etage 3 stimmen gerade 4 Musiker der Münchner Philharmoniker ihre Instrumente. Was wir hier während der nächsten 20 Minuten erleben dürfen, ist ein wahrer Genuss. Kai Rapsch (Englischhorn), Clement Courtin (Violine), Beate Springorum (Viola) und David Hausdorf (Violoncella) spielen Jean Francaix. Die Akustik im Parkdeck ist erstaunlich… gut wäre übertrieben, aber OK. Man sieht den 4 Musikern ihre Freude beim Spielen der Stücke des französischen Komponisten regelrecht an. Ganz nah dran sind die Zuhörer, können jedes Atmen der Musiker hören, jeden Schmunzler sehen und jeden Ton fast spüren. Viel zu schnell sind die 20 Minuten (mit kleiner Zugabe 25 Minuten) vorbei und wir sind wieder auf dem Weg.

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Als nächstes finden wir uns zwischen Omnibussen sitzend wieder. In der unscheinbaren Seitenstraße ist das, im Programm als Omnibus-Friedhof angekündigte, Firmengelände. Hier liest Autor Marco Böhlandt zusammen mit Sprecherin Katharina Neudorfer und zwei Musikern von „Konvolut“, die mit der Hintergrundmusik die Aufführung fast zu einem Hörspiel machen. Und Petrus trägt ebenfalls seinen Teil dazu bei. Während der gesamten Lesung zieht ein heftiges Gewitter auf, bange Blicke zum Himmel wechseln sich mit schmunzelnden Gesichtern ab. Denn wenn die Sprecher von „Schlägen wie Donnergrollen“ erzählen, lässt das Donner grollen nicht lange auf sich warten. Jeder der Zuhörer hofft, dass es noch ein paar Minuten aushält, nur noch ein paar Minuten. Und die Stoßgebete scheinen zu wirken, die Autorenlesung geht trocken zu Ende. Aber kaum eine Minute später schüttet es aus Eimern. Damit fällt für uns leider auch die After-Hörgang-Party in der Flugwerft ins sprichwörtliche Wasser. Beeindruckt, fast schon beseelt, treten wir den Heimweg an.

PS: An dieser Stelle noch ein Dank an Christine, die mich immer wieder zum Strawanzen einlädt und mich dabei zu so tollen Veranstaltungen wie dieser mitnimmt.

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